Salvador da Bahia – die erste Hauptstadt Brasiliens ?>

Salvador da Bahia – die erste Hauptstadt Brasiliens

 

São Salvador da Bahía de Todos os Santos, wie der historische Namen der Heutigen Stadt Salvador da Bahia lautet, wurde im Jahre 1549 von Tomé de Souza gegründet. Dieser war vom portugiesischen König Johann III. als Generalgouverneur nach Brasilien geschickt worden, nachdem der Kolonisierung des Landes durch Angehörige des portugiesischen Adels kein Erfolg beschieden war. Tomé de Souza, ein bewährter Soldat und Heerführer,  sollte dieses Projekt nun neuerdings in Angriff nehmen.

Salvador da Bahia liegt an der Allerheiligenbucht (Baía de Todos os Santos), die ihren   Namen Amerigo Vespucci verdankt, der hier 1501 an Allerheiligen gelandet war und die Bucht nach dem Tag seiner Landung benannt hatte. In dieser Gegend strandete  1510 der einzige  Überlebende der Besatzung eines  französischen Schiffes, Caramuru. Es  gelang ihm, das Vertrauen der Indios zu gewinnen und er wurde von diesen als Stammesführer akzeptiert. Am Eingang zur Bucht, im Stadtteil Barra,  steht das Forte de Santo Antônio da  Barra. Der Leuchtturm (Farol de Barra)  der im Jahre 1698 erbauten Festung markiert den Eingang zur Bucht und diente ehemals den Schiffen aus Portugal zur Orientierung. Heute ist im Fort ein Schifffahrtsmuseum untergebracht, der Platz ist ein beliebter Treffpunkt für Jung und Alt und am Strand tummeln sich Badefreudige. 

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Salvador besteht aus zwei Stadtteilen, der Ober- und der Unterstadt. Auf einer Felskuppe, heute ein Teil   der Oberstadt, liegt der „ponto zero“, wo alles begann – der Praça Tomé de Souza:  1549 gründete hier Tomé de Souza  die Stadt Salvador da Bahia. In seinem Schlepptau befanden sich ca. 1000 Personen, mehrheitlich Abenteurer, Kriminelle, Huren – der zuvor gemachte Versuch, das Land durch Angehörige der portugiesischen Oberschicht zu besiedeln, war gescheitert. Tomé de Souza nahm die Organisation des Landes tatkräftig in die Hand. Er liess an diesem Platz die ersten Hütten bauen und von hier aus begann die Stadtentwicklung. Da, wo einst die erste Holzhütte des Gouverneurs gestanden hatte, steht heute der Gouverneurspalast Palacio Rio Branco. Der Platz bietet einen herrlichen Blick über die Bucht und den Hafen, zugleich auch auf die Unterstadt, die man über einen Aufzug, Elevador Lacerda, erreicht. Neben dem Aufzug steht ein Kunstwerk, das von den Einheimischen wenig geschätzt und spöttisch als „Popo des Bürgermeisters“ bezeichnet wird.

Von hier oben zeigt sich aber auch die verwahrloste Seite Salvadors: die vollständig verkommene Unterstadt am Hafen. Da die Häuser wegen übertriebener Renovationsauflagen der Denkmalschützer keine Kaufinteressenten finden, sind sie dem totalen Zerfall preisgegeben. Die Folge davon ist, dass die meisten von Drogendealern, Kriminellen und Prostituierten besetzt sind.  Nachts herrscht hier kriminelles Highlife – nicht einmal die Einheimischen wagen sich ohne besonderen Schutz in diese Gegend.

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Vom Praça Tomé de Souza aus gelangt man durch die Rua Misericordia zum Praça da Sé. Hier steht die Igreja da  Misericordia aus dem 17. Jahrhundert. In dieser Kirche fanden vor allem allein stehende junge Witwen, Waisen und Frauen, deren Ehemänner auf Reisen waren, Aufnahme, um sie vor Übergriffen zu schützen. Hier stehen auch der Erzbischöfliche Palast und ein Denkmal in Form eines Kreuzes, das an den ehemaligen Dom erinnert. Der Dom war in den Dreissigerjahren  aufgrund eines Täuschungsmanövers des damaligen Bürgermeisters von Salvador abgerissen worden, um Platz für das Schienennetz einer Strassenbahn zu schaffen! Um vom Papst die Erlaubnis zum Abriss des Doms zu erhalten, hatte der Bürgermeister   dem Vatikan das Foto einer abbruchreifen Kirche geschickt, worauf der Papst dem Abriss zustimmte. 

Auf dem Platz steht auch ein Denkmal für den als Nationahelden gefeierten Zumbi dos Palmares. Er war in der von entflohenen Sklaven 1655 gegründeten Siedlung Palmares frei geboren, aber als Kind von Portugiesen gefangen und einem Missionar  übergeben worden. Es gelang ihm, in seinen Heimatort zu flüchten, wo er wegen seiner Kampfkraft zum Anführer gewählt wurde. Er organisierte die erste Sklavenrevolte gegen die portugiesischen Unterdrücker. Trotz ihrer militärischen Überlegenheit gelang es den Portugiesen nicht, Zumbi, den seine Gefolgsleute hoch verehrten und für unsterblich hielten, zu fangen. Auf der Jagd nach Zumbi verloren 15000 portugiesische Soldaten und 30000 Sklaven ihr Leben. Die Portugiesen mussten Zumbi unbedingt lebendig fangen, um durch eine öffentliche Hinrichtung den Mythos von dessen Unsterblichkeit zu zerstören. Am 20. November 1695 war es dann soweit: in Recife wurde Zumbi öffentlich enthauptet und sein Kopf ausgestellt. Heute ist der 20. November in Brasilien ein Feiertag, der Tag des Schwarzen Bewusstseins, und Zumbi gilt als Nationalheld.  

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Ein weitere Gedenkstätte ist der Praça da Piedade, wo die so genannten Bahianische Verschwörung im Jahre 1798 ihr blutiges Ende gefunden hat.  Sklaven und Angehörige der Unterschicht hatten einen Aufstand gegen ihre Unterdrücker angezettelt, 1800 Rädelsführer waren aufgespürt  und hier auf diesem Platz grausam hingerichtet worden. Drei Wochen lang hatte man ihre aufgespiessten Köpfe zur Schau gestellt. Auch dieser Platz ist heute wegen der vielen Obdachlosen und Drogenabhängigen eine gefährliche Gegend.

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In der Altstadt ist ein weiterer zentraler Platz mit prunkvollen Bauten der Terreiro de Jesus. Für einen kleinen Obolus lassen sich hier Baianerinnen in traditionellen Gewändern fotografieren, und an einem Imbissstand kann man die einheimische Kost versuchen. Von hier ist es auch nicht weit in das historische Viertel Pelourinho. Der Largo do Pelourinho, was etwa „Platz des Prangers“ bedeutet, war einst der grösste Sklavenmarkt in Salvador, hier wurden die Sklaven auch ausgepeitscht. Mit der Abschaffung der Sklaverei zog das Viertel zunächst vor allem Künstler an, was aber nicht verhindern konnte, dass das Quartier mit der Zeit völlig verfiel und  zu einem äusserst gefährlichen Elendsquartier verkam. 1985 wurde das Viertel von der Unesco zum „Kulturerbe der Menschheit“ erklärt, und ab  1991 wurden  viele der historischen Häuser renoviert, farbenfreudig bemalt, und die Strassen wurden durch Polizeiposten sicherer gemacht.  

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In der Unterstadt liegt der  Dique do Tororó – Teich des Grossen Regens -, ein See, der eine Art Kultstätte für die Anhänger der Candomblé-Religion ist. Diese Religion entwickelte sich aus den Naturreligionen der afrikanischen Sklaven und Elementen des Katholizismus. Zwar wurden alle Sklaven  sofort nach ihrer Ankunft in Brasilien zwangsgetauft, aber dennoch gaben sie  ihren alten Glauben nicht auf, sondern vermischten beide Glaubensformen zu einer neuen Religion. Ihre Götter gingen mit dem Gott der Christen eine synkretistische Verbindung ein.  Die Anhänger des Candomblé glauben, dass dieser See eine Wohnung ihrer Götter ist, und  errichteten ihnen hier eine Kultstätte. Eine Statuengruppe stellt verschiedene Gottheiten dar. Die Religion enthält viele animistisch-spiritistischen Elemente, ist aber in Brasilien als Staatsreligion anerkannt.

Nahe bei diesem See liegt auch eine Favela. Die Bezeichnung für die Armenviertel, die  sich  unkontrolliert an den Hängen von Grossstädten ausbreiten, stammt von einer brasilianischen Kletterpflanze – die Siedlungen wuchern wie diese Pflanze. Diese Armenviertel waren entstanden,  nachdem 1888 die Sklaverei abgeschafft worden war. Die Leute waren dann zwar frei geworden, aber sie hatten absolute keine Lebensperspektive, da sie ungebildet und mittellos als Analphabeten ein elendes Leben fristen mussten. Die ehemaligen Sklaven, fast ausschliessliche Schwarze oder Mischlinge, versuchten ihr Glück in den Städten, in der Hoffnung, hier ein Auskommen zu finden. Aber hier wurden sie wiederum zu „Sklaven“, nun im Dienste der aufstrebenden Industrialisierung des Landes. In Salvador brauchte vor allem die Firma Petrobas für den Bau einer Eisenbahnlinie ins Hinterland billige Arbeitskräfte. Die Zuwanderer bauten sich irgendwo an den Hängen   mit primitivsten Mitteln Behausungen ohne jegliche Infrastruktur  – die Favelas entstanden. Auch heute „wuchern“ die Siedlungen immer noch. Sofern Bedarf nach neuem Wohnraum besteht, wird ohne behördliche Genehmigung einfach aufgestockt. Die einzige „Struktur“ innerhalb einer Favela ist der soziale Zusammenhalt, man braucht sich, der einzige Halt ist die Gemeinschaft und die Generationen übergreifende gegenseitige Hilfe. Sofern eine Favela nicht von Kriminellen oder Drogenbossen terrorisiert wird, ist das Leben  in einer Favela entgegen der landläufigen Meinung nicht unerträglich, im Gegenteil, wegen des sozialen Zusammenhaltes ist es sogar gut. Auch in einer Favela herrscht eine Art „Ehrenkodex“: wer dagegen verstösst, wird aus der Gemeinschaft erbarmungslos ausgeschlossen und vegetiert dann wirklich am Rande der Gesellschaft dahin.  Schlimm ist allerdings das mangelnde Bildungsbewusstsein innerhalb der unteren sozialen Schichten: die wenigsten haben eine Chance, der Armut zu entrinnen, trotz allgemeiner Schulpflicht. Die staatlichen Schulen sind schlecht, die Lehrmittel kosten Geld, das die Armen nicht haben, eine Lehre für praktische Berufe gibt es nicht, alle Berufe müssen in besonderen Schulen erlernt werden, die wiederum Geld kosten – ein Teufelskreis, dem nur ein kleiner Teil der Bevölkerung entkommen kann. Ex-Präsident Lula, der selbst aus ärmlichsten Verhältnisse stammte, versuchte das Bildungssystem zu verbessern. Aber in den acht Jahren seiner Regierungszeit waren ihm nur geringe Erfolge beschieden.

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Die Igreja de Nosso Senhor do Bonfim  verdankt ihr Entstehen und ihren Namen dem Gelübde eines Seefahrers, der versprochen hatte, eine Kirche zu stiften, falls seine Reise durch die stürmische See ein gutes Ende nehmen würde.  Sie wurde 1754 geweiht.  Hier findet jährlich am 1. Januar das Fest der Seefahrer statt und am zweiten Sonntag im Januar das Fest Lavagem do Bonfim mit der symbolischen Waschung der Treppe der Kirche. Die Kirche ist die bedeutendste Wallfahrtskirche von Salvador und ist Gotteshaus für Katholiken ebenso wie für Anhänger der Candomblé-Reigion.  In einem Seitenraum der Kirche sind eine Unmenge von Devotionalien ausgestellt: Bilder von Gläubigen, deren Gebete erhört wurden, und  Nachbildungen von Gliedmassen, die geheilt wurden – sogar ein Phallus baumelt von der Decke.

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Den nördlichen Endpunkt der Allerheiligenbucht, der Strandabschnitt Praia de Boa Viagem, bildet die Festung Forte de Monte Serrat, erbaut zwischen 1583 und 1587. Hier fanden in den Jahren 1624 und 1638 heftige Auseinandersetzungen zwischen Holländern und  Portugiesen statt. Die Holländer versuchten, den Portugiesen die Region zu entreissen, es kam zu jahrelangen Auseinandersetzungen, bis die Holländer   schliesslich aufgaben und sich wieder davon machten. Unmittelbar an der Küste steht auch noch die kleine Kapelle, in der die neu ankommenden Sklaven sofort getauft wurden – der Bereich heisst „Boa vida“! 

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Am Ende der Cruzeiro ds Sao Francisco liegt die Igreja e Convento de Sao Francisco,  die von Franziskanermönchen gegründete Klosteranlage.  1697 waren  die ersten Franziskanermönche nach Salvador gekommen und hatten hier zunächst ein Kloster gegründet, dem später eine prachtvolle Kirche hinzugefügt wurde.   1713 wurde mit dem Bau der Kirche begonnen, bis allerdings der Innenausbau  fertig gestellt war, vergingen  noch 30 Jahre. Über einen Seiteneingang des Klosters gelangt man zunächst in den Kreuzgang und von da aus in die Kirche. Die Wände des Kreuzgangs sind vollständig mit so genannten Blaufliesengemälden verkleidet, einer künstlerischen Ausdrucksform, die in Portugal entwickelt worden war. Das Bildprogramm des Kreuzgangs zeigt allegorische Darstellungen zu Begriffen wie Geld, Freundschaft etc. und wurde nach Kupferstichen des flämischen Malers Otto van Veen angefertigt. Der portugiesische König Johann III. hatte dem Kloster diese Fliesengemälde geschenkt.

Wegen ihrer überbordenden Ausschmückung mit vergoldeten Altären, Engeln, Leuchtern etc.     trägt die Kirchen den Beinamen „Goldene Kirche“ – 600 kg Blattgold wurden hier verarbeitet – ein goldener Horror vacui – es  gibt wohl kein Fleckchen, das nicht vergoldet ist und in welchem nicht noch eine vergoldete Putte ihren Platz gefunden hätte. Moralische Bedenken, dass die hemmungslos zur Schau gestellten körperlichen Vorzüge der nackten Engel eventuell die Andacht der frommen Männer stören könnten, hatte man offensichtlich nicht. Die Frage, weshalb die Mönche des Bettelordens diesen Prunk zuliessen, der in groteskem Widerspruch zu ihren moralischen Vorgaben stand, bleibt unbeantwortet. Der Bau ist wohl Ausdruck des unermesslichen Reichtums, der den Bürgern von Salvador aufgrund der riesigen Goldvorkommen im Land beschert worden war.