Die Verfolgung der Königin Hatschepsut

Die Verfolgung der Königin Hatschepsut

Die Bautätigkeit der Königin Hatschepsut

Königin Hatschepsut war die Hauptgemahlin Thutmosis‘ II. (3. König der 18. Dynastie, 1470-1467 v. Chr.), zugleich auch seine  Stiefschwester, die nach dessen Tod die Regentschaft für den unmündigen Sohn Thutmosis‘ II., Thutmosis III., übernommen hatte. Dieser entstammte der Verbindung Thutmosis‘ II. mit einer Nebenfrau, Isis. Formell hatte Thutmosis III. nach dem Tod seines Vaters zwar die Herrschaft angetreten, aber da er noch ein Kind war, führte zunächst Hatschepsut die Regierungsgeschäfte. Nach kurzer Regentschaft ernannte sie sich jedoch selbst zum Pharao, trat als männlicher Herrscher auf und regierte von 1467-1445 v. Chr. Hatschepsut selbst zählt den Beginn ihrer Herrschaft vom Zeitpunkt ihrer Regentschaft an und nicht vom Beginn der eigentlichen Königsherrschaft. Thutmosis III. regierte zwar nominell neben Hatschepsut, hatte aber keinerlei politischen Einfluss. Erst nach ihrem Tod gelangte er an die Macht.

In ihrer ca. 21jährigen Regentschaft entwickelte Hatschepsut eine rege Bautätigkeit. Ihr bedeutendstes Denkmal ist ihr Totentempel in Deir el-Bahari; ausserdem ist ihre Bautätigkeit bezeugt in:

  • Karnak: der 8. Pylon, die Rote Kapelle, mehrere Obelisken, eine neue Umfassungsmauer, Mut-Tempel, Stationsheiligtümer zwischen Karnak und Luxor
  • Hermopolis (Neubau des Thot-Tempels)
  • Südlich von Beni Hasan das Speos Artemidos (Felstempel für die Löwengöttin Pachet)
  • Medinet Habu (Kleiner Tempel)
  • Armant (Month-Tempel)
  • Kom Ombo (Torbau)
  • Elephantine (Satis-Tempel)
  • Semna-West (Tempel)
  • Buhen (südlicher Tempel mit Umgang)
  • Dakka (Tempel)
  • Qasr Ibrim (Felskapelle, Obelisk)
  • Faras

Alle Denkmäler der Hatschepsut weisen Spuren von Zerstörungen auf, davon sind bildliche Darstellungen ebenso betroffen wie die sie begleitenden Inschriften. Der Name der Hatschepsut wurde getilgt, teilweise durch Namen ihrer Vorgänger oder Nachfolger ersetzt, Darstellungen auf Reliefs wurden verändert, ihre Statuen wurden demontiert und zerschlagen, ihr Hauptbau in Karnak, die Kapelle für Amun, wurde abgerissen, und die Steinblöcke wurden für andere Bauten wieder verwendet.

Mit der Tilgung von Abbildungen und eingravierten Namen auf Denkmälern wollten die Pharaonen das Andenken an verhasste Vorgänger auslöschen. Nach ägyptischem Verständnis war der Name nicht nur ein Mittel zur Identifizierung einer Person, sondern er war auch der Träger des ganzen Wesens eines Menschen. Es heisst „wessen Name ausgesprochen wird, der lebt“. Beim Vollzug des Opferkultes für einen Verstorbenen ermöglichte das Aussprechen des Namens des Toten dessen Teilnahme am Kult. Durch den Totenkult sollte das Weiterleben des Verstorbenen im Jenseits garantiert werden. Eine ähnliche Funktion hatten auch Statuen und Darstellungen im Flachbild. Sie waren nicht einfach Abbilder oder Erinnerungsbilder. In einem besonderen Ritual, dem Mundöffnungsritual, wurde eine Statue belebt und dadurch mit den physischen Kräften der in der Statue dargestellten Person beseelt. Die Statue konnte dann hören und sehen sowie Nahrung aufnehmen und dadurch ebenfalls am Opferkult im Tempel teilhaben. Auch dieses Ritual diente dazu, die Fortexistenz im Jenseits zu gewährleisten. Unter diesen Voraussetzungen bedeuten die massiven Namenstilgungen und Zerstörungen der Denkmäler der Hatschepsut einen heftigen Angriff auf ihre Persönlichkeit mit gravierenden Folgen. Ihr Andenken sollte ausgelöscht und ihre Existenz vernichtet werden – das schlimmste Schicksal, das einem Ägypter widerfahren konnte. In der historischen Forschung ist man sich darüber einig, dass Hatschepsuts Mitregent und Nachfolger Thutmosis III. ihr Andenken so heftig verfolgte. Über seine Motive, beziehungsweise über den Zeitpunkt des Beginns der Verfolgung herrscht jedoch Unklarheit.

Im folgenden Beitrag wird dargestellt, welcher Art die Zerstörungen sind und wann Thutmosis III. vermutlich damit begann, Bild und Namen der Königin tilgen sowie ihre Statuen zerschlagen zu lassen, und weshalb er dieses zerstörerische Werk so rücksichtslos in die Tat umsetzte.

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Zertrümmerung von Statuen und Tilgungen von Namen und Bildern auf Reliefs

Die meisten Statuen aus dem Totentempel in Deir el-Bahari wurden zertrümmert, der Uräus sowie die Nase wurden abgeschlagen, die Augen ausgestochen. Nach dem Zerschlagen wurden die Bruchstücke in einen Steinbruch nahe beim Aufweg zum Totentempel geworfen, wo sie erst 1911 in den Grabungskampagnen des amerikanischen Archäologen Winlock und seiner Ausgräber (in den Jahren 1911-1931) gefunden wurden.

Bekanntlich liess sich Hatschepsut als Frau, als Sphinx und als Pharao darstellen. Diese Statue aus Alabaster zeigt Hatschepsut als junge Frau im Alter von etwa 20 Jahren. Sie trägt das Königskopftuch und den Königsschurz. Die Statue war in zwei Teile zerbrochen, der untere Teil befand sich einst in Berlin,  jetzt befindet sich die restaurierte Statue im Metropolitan Museum in New  York.

Die radikalste Form der Tilgung von Namen, Inschrift und Gestalt der Königin auf einem Relief wurde durch Aushacken oder Wegschleifen bewerkstelligt, sodass auf dem Stein eine  leere, raue oder glatt polierte Fläche zurückblieb, die dann nicht weiter verändert wurde (zum Beispiel im 3. Pylon Amenophis‘ III. verbaute Blöcke im Tempel von Karnak).

Eine Variante dieser radikalen Tilgungsart ist die Tilgung der Inschrift und Ausmeisselung der Figur der Hatschepsut sowie eine Veränderung der restlichen Figuren auf einem Relief. Die auf den Reliefs dargestellten Handlungen, die zwischen der Königin und Göttern vollzogen wurden, sind nur noch   aufgrund von Spuren des ursprünglichen Bildes schwach oder gar nicht mehr erkennbar. Häufig gab man den Göttern ein w3s-Szepter in die Hand, die Szenen selbst bleiben  ohne Aussage. Ein Beispiel aus Deir el-Bahari:

Anubis

Auf dem Relief stehen sich Anubis und Hathor gegenüber, beide halten jeweils das w3s-Szepter in der Hand. Die ganze Inschrift ist  ausgemerzt, erhalten blieben nur die Namen von Anubis und Hathor sowie die Schutzformel neben Hathor. Zwischen Anubis und Hathor sieht man die Spuren der ausgehackten Figur der Hatschepsut. Ursprünglich vollzog Hatschepsut wohl eine Kulthandlung, nun stehen sich die beiden Gottheiten Anubis und Hathor unbeteiligt gegenüber, die Szene ergibt keinen Sinn und ist ohne jegliche Aussage.

Jmi-wt – Anubis – Ḥwt-ḥr – Hathor

rechts neben Hathor:

sз ʿnḫ ḏt wзs ḥз.s mj Rʿ – Schutz, Leben, Dauer und Heil seien um sie, wie Re

 Eine  Variante dieser Tilgungsart ist die Zerstörung der Gestalt der Königin und die Tilgung ihres Namens in der Kartusche, wobei dann entweder die Namen ihrer Vorgänger, Thutmosis I. und  Thutmosis II., oder auch diejenigen späterer Nachfolger eingeschrieben wurden. Bemerkenswert dabei ist, dass die Hieroglyphen für die Wörter rʿ und jmn, die auch zur Schreibung von Götternamen dienen, im Namen der Hatschepsut nicht getilgt wurden, sondern für die Schreibung der neu eingesetzten Namen verwendet wurden. Hier mag religiöse Pietät eine Rolle gespielt haben. Unverändert blieben teilweise auch grammatische Formen und Feminin-Endungen bei Wörtern, die sich auf die Königin bezogen. In diesen Fällen muss man eine gewisse Nachlässigkeit der Tilgungsequipen vermuten.

Bei Veränderungen der Darstellungen auf den Bildern findet man zwei Vorgehensweisen: entweder wurden die Bilder so verändert, dass sofort erkennbar ist, dass sie verändert worden sind, oder die Veränderungen sind erst aufgrund der Ikonographie und des beigeschriebenen Textes erkennbar.

Als Beispiel für eine sofort erkennbare Veränderung soll ein Relief aus dem Tempel von Semna (Kumma, südlich  vom 2. Katarakt) dienen: auf dem Relief befand sich ursprünglich in der Mitte eine Abbildung der Königin,  vor dem Gott Thot sitzend. Vom Bild der Hatschepsut sind nur noch wenige Spuren sichtbar, es ist fast vollständig ausgehackt. Der hinter Hatschepsut stehende Gott Chnum streckt über das ausgemerzte Bild seinen Arm, in welchem er die Jahresrispe hält, Thot entgegen, und dieser schreibt etwas  in die Rispe ein. In den beiden Kartuschen über dem getilgten Bild der Königin stehen nun nicht mehr deren Titel und Geburtsname Mзʿt-kз-Rʿ Ḫзt-špswt ẖnmt Jmn, sondern Titel und Geburtsname Thutmosis II.,ʿз-ḫpr-n-Rʿ Ḏḥwtj-ms. Eigentlich erwartet man  das Bild Thutmosis II., dargestellt ist jedoch eine Handlung zwischen den beiden Göttern Chnum und Thot, auf die in der beigefügten Inschrift jedoch keinerlei Bezug genommen wird.

Dass sich der Text ursprünglich auf eine weibliche Person bezog, ist an einigen nur oberflächlich durchgeführten Veränderungen der grammatikalischen Form sichtbar.  Teilweise  wurden auch Formen, die man aufgrund des geänderten Bildprogrammes hätte anpassen müssen, nicht geändert, sei es aus Nachlässigkeit oder weil man diese übersehen hatte. Über der Kartusche, in die der Geburtsname eingeschrieben ist, steht nicht „sз Rʿ – Sohn des Re“, mit Bezug auf Thutmosis II, sondern „sзt Rʿ – Tochter des Re“ – das feminine t am Wort „sз “ wurde nur sehr nachlässig getilgt und ist noch sichtbar. In der Beischrift zu Thot heisst es unter der Kartusche, in die der Titel der Hatschepsut eingeschrieben ist, „… mrj.t.f – die er liebt“, mit Bezug auf Thutmosis II. sollte es heissen „… den er liebt“  und neben der Gestalt des Thot bezieht sich das feminine Pseudopartizip in der Wunschformel ebenfalls auf eine weibliche Person „…ʿnḫ.tj mj Rʿ – möge sie leben wie Re“.

Ein Relief, das zunächst völlig unverändert zu sein scheint, befindet sich im Hathorspeos in Deir el-Bahari: Die löwenköpfige Göttin Weret-hekau (die „Zauberreiche“) vollzieht das Ritual „Darbringen des menit-Halsschmuckes“ vor dem Gott Amun. Dieses Ritual ist eine Geste des Gunsterweises von Göttinnen gegenüber dem König, und man sollte hier deshalb auch das Bild eines Königs erwarten.  Stattdessen ist Amun auf dem Thron dargestellt.  Es heisst: „Worte werden gesprochen von Amun, dem Herrn der Throne der beiden Länder, dem König der Götter inmitten des Tempels von Karnak:  er gibt auf den Thron seine leibliche Erbin, … die leibliche geliebte Tochter…“ – der Text steht in keinerlei Beziehung zur Bildaussage. Auch auf diesem Relief wurden wiederum in sämtliche  Kartuschen  Geburtsname  beziehungsweise Titel Thutmosis‘ II. eingeschrieben: Text und Bild haben keinen Bezug zueinander. Über dem Geburtsnamen steht: sз  nt  ẖt.f mrj.t.f –  Sohn seines Leibes,  die er liebt. Das Genitiv-Adjektiv zu „seines Leibes“ bezieht sich auf ein Nomen regens feminin  ebenso das Partizip „die er liebt“. Ursprünglich stand wohl „sзt  nt  ẖt.f – Tochter seines Leibes…“. Wie am zuvor genannten Beispiel lässt auch hier die unsorgfältige Bearbeitung des Textes vermuten, dass sich ursprünglich das Bild  der Hatschepsut an der Stelle befunden hatte, wo nun das Bild des Amun eingefügt ist.

Eine besondere Art der Tilgung des Bildes der Hatschepsut nennt K. Sethe die „Opfertischverfolgung“: an der Stelle der ausgemeisselten Figur der Königin wird eine Art Opfertisch mit Blumen angebracht, ohne Veränderung des Götterbildes. Ein Beispiel hierfür ist das Pyramidion eines Obelisken aus Karnak, das jetzt im Museum in  Kairo ist. Thutmosis III. liess diese Darstellung umarbeiten: da, wo die Königin vor Amun kniete, wurde  ein Opfertisch eingesetzt – die ursprüngliche Darstellung glich den  Darstellungen auf den beiden Obelisken, die sich immer noch im Tempel von  Karnak befinden (der stehende Obelisk und der umgestürzte am Heiligen See): Amun hält Segen spendend sein Hand über die vor ihm kniende Königin.

Die Beziehung zwischen Hatschepsut und Thutmosis III. war mit Sicherheit äusserst zwiespältig. Der Machtanspruch der Hatschepsut wurde als unrechtmässig empfunden, da Thutmosis II. seinen Sohn zum Nachfolger bestimmt hatte. Hatschepsut sah sich wohl immer gezwungen, auf ihren Denkmälern die Rechtmässigkeit ihrer Regentschaft zu betonen, beispielhaft dargestellt in ihrem   Totentempel von Deir el-Bahari, wo sie in einem grossen Zyklus ihre göttliche Abstammung und ihre Einsetzung in das königliche Amt beschreibt.  Obwohl Hatschepsut Thutmosis III. von den Regierungsgeschäften ausgeschlossen hatte, liess sie sich dennoch zusammen mit ihm darstellen.

Ein Beispiel findet sich auf einem Granitblock aus der Roten Kapelle in Karnak: Vor der Barke des Amun, die von Priestern getragen wird, ist Hatschepsut im Kultlauf dargestellt, während Tutmosis neben ihr ein Räucheropfer darbringt. Hatschepsut trägt den Ornat eines Pharao. Wäre die Inschrift nicht vorhanden, die unmissverständlich den Namen der Hatschepsut nennt, könnte man nicht erkennen, dass hier eine weibliche Person dargestellt ist. Sie trägt den Königsschurz und die Atef-Krone, Thutmosis III. trägt die Chepresch-Krone. Die Beischrift lautet für beide gleich:

Mзʿt-kз-Rʿ nṯr nfr nb tзwj – Mзʿt-kз-Rʿ, der gute Gott, Herr der beiden Länder – Hatschepsut

Mn-ḫpr-Rʿ nṯr nfr nb tзwj – Mn-ḫpr-Rʿ , der gute Gott, Herr der beiden Länder – Thutmosis III.

 

 

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Zerstörungen und Umwandlung von Baudenkmälern

Thutmosis III. behauptete zwar, dass er „niemals etwas an den Denkmälern eines anderen“ (Urk. IV, 835, 10) gemacht habe, aber das entspricht nicht den Tatsachen, da er nachweislich Denkmäler der Königin Hatschepsut durch bauliche Massnahmen verändern liess, sie auch für sich beansprucht hat  oder  sie hatte abreissen lassen.

  • Den Tempel in Deir el-Bahari liess er zwar nicht zerstören, aber er liess Namen und Bilder der Hatschepsut aushacken, ihre Statuen zerschlagen und in den Steinbruch nahe beim Tempel werfen.
  • Die Obelisken in Karnak wurden nicht abgetragen, da ihre Demontage wohl grosse Beschädigungen der Tempelanlage verursacht hätten. Aber sie wurden bis zu einer Höhe von 22 m eingemauert. Die Inschriften wurden nicht getilgt, vermutlich gab sich Thutmosis III. damit zufrieden, dass man sie nicht mehr lesen konnte.
  • Der Hauptbau der Hatschepsut im Tempel von Karnak war das Barkensanktuar für „ihren Vater“ Amun, eine Stationskapelle nahe beim Heiligtum des Amun, die so genannte Rote Kapelle – Chapelle rouge, so genannt nach der Farbe des Baumaterials, roter Quarzit. Die Kapelle konnte von Hatschepsut nicht mehr vollendet werden, da sie vermutlich vor deren Fertigstellung starb. Nach dem Tod der Hatschepsut beanspruchte Thutmosis III. das Sanktuar zunächst für sich selbst und liess dort eine eigene Inschrift anbringen. Bilder und Name der Hatschepsut wurden teilweise ausgehackt. Offensichtlich gab er den Plan, die Kapelle zu usurpieren, wieder auf und liess sie vermutlich um das Jahr 42 seiner Regierungszeit abreissen und eine neu Kapelle aus schwarzem Granit errichten. Die Blöcke der Roten Kapelle wurden wieder verbaut: als Füllmaterial für den Pylon Amenophis‘ III. (3. Pylon), den des Haremhab (2. Pylon) und auch für Bauwerke von Ramses II. Das Sanktuar von Thutmosis III. wurde später vom Nachfolger Alexander des Grossen, Philippos Arrhidaios, abgerissen und durch ein eigenes dieses Herrschers ersetzt. Durch bauliche Massnahmen wurden die Räume um das Barkensanktuar ebenfalls verändert.Thutmosis III. liess vor den Wänden mit Kult- und Opferszene eine Wand errichten, auf die er seine Annalen einschrieben liess. Auf der Mauer, die das Barkensanktuar umgab, blieb auf dem Sockel eine Inschrift erhalten, die das Datum Jahr 17, letzter Tag des 1. Monats der Achet-Jahreszeit nennt, welches das letzte,  für Hatschepsut in Karnak belegte Datum ist (in Serabit el-Chadim ist noch das Jahr 22 für Hatschepsut belegt).
  •  In Karnak wurde auf dem Pylon der Hatschepsut ihr Name durch die Namen Thutmosis II. und Thutmosis III. ersetzt.
  •  In Medinet Habu wurde das Bild der Königin durch Opfertische ersetzt.
  •  In der Provinz wurden die Denkmäler der Königin ebenfalls nicht geschont (vgl. Einführung)

Unter Echnaton wurden die Beschädigungen, die im Zuge der Amun-Verfolgung auch besonders die Baudenkmäler der Hatschepsut trafen, fortgesetzt. Die Ramessiden restaurierten zwar wieder die Tilgungen der Amarna-Zeit, aber in Bezug auf Hatschepsut setzten sie das zerstörerische Werk fort.

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Verfolgungsmotive

Merkwürdig ist, dass diese Tilgungen zwar mit beträchtlicher Energie betrieben worden sind, aber auffallend inkonsequent, systemlos und widersprüchlich. Bilder und Namen der Königin sind manchmal an unsichtbaren und verborgenen Orten ausgemeisselt, hingegen wurden sie an sichtbaren und zugänglichen Stellen verschont. Zum Beispiel blieben im Sanktuar der Hathor in Deir el-Bahari Bilder der Hatschepsut intakt, aber auf der Inschrift zur Expedition nach Punt wurde ein Bild der Hatschepsut vollständig ausgehackt. Das Bild ihres Ka blieb vollständig unangetastet, der darüber geschriebene Name ist zerstört. Auf den Blöcken der Roten Kapelle blieben die Inschriften weitgehend intakt. Häufig wurden Pronomina und Substantive mit feminen Endungen in den Texten nicht angepasst, obwohl man den Namen der Hatschepsut durch denjenigen von  Thutmosis’ I. oder Thutmosis’ II. ersetzt hatte. Die Gründe für die sporadischen Tilgungen stehen wahrscheinlich in enger Verbindung mit den Motiven für die Verfolgung, und es wäre wohl zu einfach, hier nur die nachlässige Arbeitsweise der Tilgungsequipen zu sehen.

Früher wurde der Grund für die Verfolgung vor allem in dem Hass gesehen, den Thutmosis III. gegen Hatschepsut in der Zeit ihrer gemeinsamen Regentschaft entwickelt haben soll. So glaubt zum Beispiel W. Wolf, dass nach dem Tod der Hatschepsut „der aufgestaute Hass … hemmungslos“ hervorbrach. J.H. Breastead vermutet, dass Thutmosis III. das Andenken seiner Stiefmutter deshalb verfolgte, weil er „brennend vor Eifer, seine Truppen nach Asien zu führen, dazu verurteilt war, friedliche Tempeldienste zu verrichten“ und „überhaupt zu viel gelitten“ habe. Donald B. Redford glaubt, dass die Verfolgung nicht auf Hassgefühle Thutmosis’ III. zurückzuführen sind, sondern dass dieser immer unter dem Zwang gestanden habe, seine Bestimmung zum rechtmässigen Nachfolger Thutmosis’ I. und Thutmosis’ II. nachzuweisen. Redfords Deutung stützt sich vor allem auf zwei Inschriften: eine Inschrift im Tempel von Karnak (Urk. IV 157 ff.) und eine Inschrift in Deir el-Bahari. Im Tempel von Karnak beschreibt Thutmosis III., wie seine Bestimmung zum Pharao schon im Kindesalter durch ein Orakel des Amun erfolgt sei. Diese Inschrift weist eine merkwürdige Ähnlichkeit mit dem Text in Deir el-Bahari (Aussenmauer der oberen Terrasse) auf, den Thutmosis III. dort über einer ausgemeisselten Inschrift anbringen liess. Der Text beschreibt die Umstände, die mit der Thronbesteigung Thutmosis I. verbunden waren. Bei Restaurierungsarbeiten kam der ausgemeisselte Text palimpsestartig  wieder zum Vorschein: es handelt sich ebenfalls um eine Krönungsinschrift, allerdings bezog sich diese auf eine weibliche Person, d.h. auf Hatschepsut. Die Geschichte von der wundersamen Bestimmung zum Thronerben durch ein Orakel des Amun war also ursprünglich eine Schöpfung der Hatschepsut und wurde von Thutmosis III. für sich und seinen Grossvater beansprucht. Thutmosis III. hatte diesen Text gewissermassen umfunktioniert, um seinen legitimen Anspruch auf die Herrschaft zu demonstrieren und seine Verbindung zu seinem Grossvater zu betonen.

Die sporadischen Tilgungen erklärt Redford durch das Bestehen einer gewissen mystischen Aura, die möglicherweise zwischen Hatschepsut und Thutmosis III. existierte. Er meint, dass in den dunklen Nischen eines Schreines, wo „kein plebejisches Auge“ hinschauen konnte, Thutmosis III. von seinen Verfolgungen abliess. Schliesslich war Hatschepsut seine Stiefmutter gewesen, und in der Abgeschiedenheit einer Kapelle vermittelten die „kalten Statuen der Königin“ dem König „die Wärme einer göttlichen Gegenwart“.

Auch Charles Nims hält die Tilgungen für eine politische Massnahme und glaubt ausserdem, dass die Theorie vom abgrundtiefen Hass des Thutmosis III. keine historische Tatsache sei, sondern eine Erfindung der Historiker, die diese Zeit rekonstruierten.

Ramada Sa’ad vermutet wiederum, dass der Hass Thutmosis’ III. auf Hatschepsut der Grund für die Verfolgung war, aber er glaubt auch, dass Thutmosis III. aus Furcht vor der toten Königin und aus Furcht vor geheimen und bedrohlichen Kräften doch nicht zum Äussersten geschritten ist, und deshalb einige Denkmäler verschonte.

Viel Kopfzerbrechen bereitete die Tatsache, dass die zerstörten Namen der Hatschepsut teilweise durch Namen ihrer Vorgänger Thutmosis I. und Thutmosis II. ersetzt wurden. Die Frage, wer für den Ersatz der getilgten Namen durch die Namen der beiden Thutmosiden verantwortlich war, wurde kontrovers diskutiert. Kurt Sethe versuchte in einer höchst komplizierten Untersuchung nachzuweisen, dass die Tilgungen des Namens der Hatschepsut in deren Kartuschen nur von ihren beiden Vorgängern vorgenommen worden sein konnte. Er entwickelt eine recht abenteuerliche Theorie, wonach Thutmosis I. möglicherweise zugunsten seiner Tochter abgedankt habe, eventuell für kurze Zeit nach Beginn der Regentschaft der Hatschepsut auf den Thron zurückgekehrt war, beziehungsweise eine Koregentschaft zwischen Hatschepsut und Thutmosis I. einerseits und Thutmosis II. andererseits bestanden habe. Sethes Theorie war mit vielen Mutmassungen verknüpft und hätte für die Chronologie der 18. Dynastie einschneidende Folgen gehabt. Die Theorie wurde abgelehnt, und die traditionelle Auffassung, dass Thutmosis III. die Namen seiner Vorgänger in die Kartuschen der Hatschepsut einsetzen liess, gilt als verbindlich.

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Zeitpunkt des Beginns der Verfolgungen

Die Frage, zu welchem Zeitpunkt die Verfolgungen einsetzten, wird von den Historikern ebenfalls unterschiedlich beantwortet. Herbert Eustis Winlock, Robert Hayes und Alan Gardiner vertreten die Ansicht, dass die Verfolgungen sofort nach dem Tode der Hatschepsut begannen. Charles Nims hingegen nennt als frühesten Zeitpunkt das 42. Regierungsjahr Thutmosis’ III. Er stützt sich bei seiner Theorie auf eine Inschrift, die L. Borchard in das 42. Regierungsjahr datiert, wobei keineswegs feststeht, dass diese Datierung auch stimmt. Wilfried Seipel lehnt diese Datierung ab, da sie auf falschen baugeschichtlichen Voraussetzungen zu beruhen scheint, und bevorzugt die ursprüngliche Auffassung von einem früheren Beginn der Verfolgung. Insgesamt liefert der archäologische Befund keine wirklich schlüssigen Beweise für die eine oder andere Hypothese. Neuerdings wird in der historischen Forschung ein eher früh einsetzender Zeitpunkt angenommen (Chr. Meyer).

Die widersprüchliche Quellenlage erlaubt kein definitives Urteil über die Gründe beziehungsweise den Zeitpunkt des Beginns der Verfolgung. Wenn Thutmosis III. tatsächlich so sehr unter der Bevormundung durch seine Stiefmutter gelitten hat, wie behauptet wird, so ist es erstaunlich, dass er niemals versucht hat, sie zu stürzen – es gibt keine diesbezüglichen Hinweise. Es ist verwunderlich, dass er, der eine starke Persönlichkeit war, niemals einen Versuch unternommen hat, das Joch „Hatschepsut“ abzuschütteln. Fest steht, dass Hatschepsut die prägende Persönlichkeit in der Zeit der gemeinsamen Regentschaft war. Allerdings könnte es auch so gewesen sein – wie W. Helck vermutet -, dass nämlich „der König Hatschepsut nur eine Marionette … und der junge Thutmosis III. nicht viel mehr“ in den Händen ihrer allgewaltigen Beamten Senenmut, Nehesj, Hapuseneb u.a. waren, die die Grauen Eminenzen im Staat waren und dessen Geschicke lenkten.

Das Bestreben Thutmosis‘ III., das Andenken der Hatschepsut vollständig aus dem Bewusstsein der Menschen zu tilgen, scheint erfolgreich gewesen zu sein:

  •  Die Königslisten ignorieren den Namen Hatschepsut
  •  Die Königsliste von Abydos (Sethos I.), die vollständig ist für die 18. Dynastie, verschweigt den Namen Hatschepsut; die Reihenfolge der Könige lautet: Thutmosis I., Thutmosis II., Thutmosis III.
  •  Die Liste Ramses‘ II. (Ramesseum) erwähnt Hatschepsut nicht
  •  In Medinet Habu wird Hatschepsut nicht erwähnt
  •  Auf der von Flavius Josephus überlieferten Liste des Manetho erscheint ihr Name, allerdings in verschlüsselter Form
  •  In späteren Listen, die auf der manetho’schen Überlieferung beruhen, fehlt der Name der Hatschepsut gänzlich, und von da an verliert sich ihre Spur im Dunkeln.

Erst als man im vorletzten Jahrhundert mit den Ausgrabungen in  Ägypten begann, wurde Hatschepsut „wiederentdeckt“.

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Literaturnachweis

  •  Barguet, Paul. – Le temple d’Amon-re à Karnak. – Le Caire 1962
  •  Gardiner, Alan. – Egypt of the pharaos. – London [etc.] 1964
  •  Gilberte, P. – in: Chronique d’Egypte, LVI, 1953, S. 219-222
  •  Hayes, W.C. – Varia from the time of Hatschepsut. – in: MDAIK, 15. – Wiesbaden 1957
  •  Lexikon der Ägyptologie. – Wiesbaden 1972-1986
  •  Meyer, Christine. – Zur Verfolgung der Hatschepsut durch Thutmosis III. – in: Miscellanea Aegyptiaca (Festschrift W. Helck). – Hamburg 1989
  •  Nims, Charles. – The date of dishonoring of Hatshepsut. – in: ZÄS, 93. – Berlin 1961
  •  Ratié, Suzanne. – La reine Hatchepsout : sources et problèmes. – Leiden 1979 ( Orientalia Monspeliensia ; 1)
  •  Redford, D.B. – History and chronology of the 18th dynasty of Egypt. – Toronto 1967
  •  Schneider, Thomas. – Lexikon der Pharaonen. – Zürich 1994
  •  Schott, S. – Zum Krönungstag der Königin Hatschepsut. – in: NWAG, 6. – Göttingen 1955
  •  Sethe, K. – Das Hatschepsut-Problem noch einmal untersucht. – Berlin 1932
  •  Yoyotte, J. – Dictionnaire de la civilisation égyptienne, Paris 1959-1970, S. 128

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