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Abu Simbel – der Grosse Tempel

 

Der Grosse Tempel von Abu Simbel, auch Re-Harachte-Tempel genannt,  ist der grösste Tempel in Nubien, ca. 30 m hoch und 35 m breit. Die ganze Tempelanlage besteht aus Vorplatz, Terrasse, Fassade mit vier Kolossalstatuen, zwei Pfeilerhallen, einem quer gelagerten Vorraum, einem Haupt- und zwei Nebensanktuarien sowie insgesamt acht Nebenräumen. Vor dem Tempel befindet sich an der Nord- beziehungsweise an der Südseite je eine Kapelle.

Der offizielle Name des Tempels lautet

Pr Rʿ-msj-sw mrj Jmn pз dmj – das Haus des Ramses, geliebt von Amun.

Trotz seiner kompakten Form enthält der Tempel alle Grundelemente eines freistehenden Tempels:

 die trapezförmige Fassade  entspricht den Pylonen

 die vier Kolossalstatuen entsprechen den Statuen vor den Pylonen der freistehenden Tempel

 die erste Pfeilerhalle entspricht dem offenen Festhof

 die zweite Pfeilerhalle entspricht dem Erscheinungssaal

 der quer gelagerte Vorraum dem Opfertischsaal

 im  Hauptsanktuar sind  Barken- und Kultbildraum vereinigt

 die Seitenräume entsprechen den Magazinen, Schatzkammern etc.

Das Dekorationsprogramm, das bei freistehenden Tempeln auf Pylonen und Umfassungsmauern angebracht wurde, ist hier ins Tempelinnere verlegt. Ehemals war die Tempelfassade mit Stuck verputzt und farbig bemalt, die ganze Tempelanlage war von einer Mauer aus Lehmziegeln umgeben und der Vorhof war ebenfalls mit Lehmziegeln gepflastert.

 

Datierung

Der Baubeginn der beiden Tempel von Abu Simbel, die von Anfang an als architektonische Einheit geplant waren, fällt in die erste Dekade der Regierungszeit Ramses’ II., etwa in die Jahre 3-8 (ca. 1285 v. Chr.).

Die wichtigsten Anhaltspunkte hierfür sind:

In der ersten Pfeilerhalle des grossen Tempels befindet sich an der inneren südlichen Portalwand die kurze Version einer so genannten „Prinzenliste“, auf welcher acht Söhne Ramses“ II. dargestellt und namentlich genannt sind. Man ist sich einig, dass die Prinzen in der Reihenfolge ihrer Geburt dargestellt und genannt sind. Solche Prinzenlisten gibt es an den Wänden verschiedener Tempel (Luxor, Wadi es-Sebua), und es fällt auf, dass die Namen der Prinzen stets in der gleichen Reihenfolge genannt werden, und dass sich diese Listen nur durch die Anzahl der aufgeführten Namen unterscheiden. Die kurze Liste muss demnach aus den frühen Regierungsjahren Ramses’ II. stammen, wobei gelegentlich die Auffassung vertreten wird, die Liste  im Tempel von Abu Simbel sei aufgrund des beschränkten Platzes auf der Tempelwand kurz ausgefallen.

Neben dem kleinen Tempel ist an der Nordseite eine Stele des Vizekönigs Jwni in die Felswand gemeisselt. Diese Stele enthält zwar keine Datierungsangaben, aber da Jwni bis ins dritte Regierungsjahr Ramses’ II. als Vizekönig von Kusch belegt ist, wird angenommen, dass um diese Zeit dieser Ort als Platz für die Tempel ausgewählt worden war.

Der Nachfolger Jwnis war Hekanacht, der ca. 20 Jahre lang die Oberaufsicht über die Bauarbeiten an den Tempeln  führte. Nach Ausweis seiner Stele, links vom grossen Tempel in einer auffallend tiefen Nische angebracht, konnte er die offizielle Weihung, zumindest diejenige des Grossen Tempels, etwa im 24. Regierungsjahr Ramses’ II. miterleben. Mit dem  Vollzug der Einweihungszeremonie müssen die Bauarbeiten am Tempel jedoch noch nicht abgeschlossen gewesen sein. Von Hekanachts Nachfolger, Paser II., wurden mehrere Felsstelen in der Nähe des Tempels gefunden,  und unter dessen Nachfolger, Hwj II., wurde die so genannte „Hochzeitsstele“ aufgestellt, die im 34. Regierungsjahr des Königs anlässlich dessen Eheschliessung  mit Mat-hor-neferu-ra, der Tochter des Hethiterkönigs Hattuschili III., gefertigt worden war.  Schliesslich ist noch die Stele des Vizekönigs Setau aus dem 38. Regierungsjahr zu nennen. Dieser musste wahrscheinlich die Bauarbeiten überwachen, als das Dekorationsprogramm im Tempelinneren nachträglich noch einmal geändert wurde. Die gesamte Bauzeit beanspruchte etwa 30 Jahre. Man nimmt an, Ramses II. habe diese Tempelanlage auch im Hinblick auf sein erstes Sed-Fest errichten lassen. Das Dekorationsprogramm im Tempelinneren zeigt mehrfach Szenen, in denen verschiedene Gottheiten (Hathor, Horus, Re-Harachte) Ramses II. die Heb-Sed-Hieroglyphe*  überreichen, aber die Form des Horus-Namens,  kз nḫt mrj Mзʿt nb ḥbw-sd mj jt.f Ptḥ-Tзtnn, die Ramses II. anlässlich seines ersten Sed-Festes wählte, ist in Abu Simbel nicht belegt.

 *Nach Porter-Moss:

Grosse Pfeilerhalle – 3. Osirispfeiler, Ostfl.: Hathor

Vorraum – Südseite, Südwand: Horus

Zweite Pfeilerhalle – Nordseite, Westwand, neben dem Durchgang zum Vestibül:  Re-Harachte

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Tempelgrundriss:

(Zeichnung: E. Ziegler)